Samstag, 27. Juli 2013

#StopWatchingUs – Deutschlandweite Proteste gegen PRISM und TEMPORA




Knapp 300 Teilnehmer versammelten sich auf dem Paradeplatz in Mannheim um den Ansprachen der Politiker von Piratenpartei, Grünen und Der Linke zu folgen und anschließend am Demonstrationszug teilzunehmen. Damit waren es ein Vielfaches der Teilnehmerzahlen gegenüber den Montagsdemos, die an gleicher Stelle gegen die so genannten Hartz-Gesetze veranstaltet wurden. Und dies trotz extrem heißer Witterung und Ferienzeit. Leere Läden und Parkhäuser zeugten von der Abwesenheit vieler Menschen an diesem Sommer-Samstag, dem letzten im Juli.

Leider benutzten einige der Kandidaten die Gelegenheit um Wahlwerbung für sich und gegen die Bundesregierung zu machen. Das erweckte den Anschein, dass das Thema nur dadurch relevant würde und nur in diesem Zusammenhang wichtig wäre. Das war nicht konstruktiv, nicht glaubhaft und fast so dümmlich wie die Statements der kritisierten Bundesregierung. Insbesondere vom grünen Bundestagsabgeordneten, während deren Regierungszeit Steinmeier, Uhrlau und Schily diese amerikanischen Programme nicht nur abgenickt, sondern auch noch ein eigenes deutsches dazu gestellt hatten, das vermutlich in Arbeitsteilung für die Überwachung von Polen und Österreich zuständig ist. Bandenbildung. Kriminelle Strukturen.

Das Thema Snowden fand unterschiedliche Rezeption und man merkte dem Vertreter der Linken an, dass er aus der dahinscheidenden älteren Generation stammt und ebenfalls Migrant in Neuland ist und kein digital Native. 

Der Aspekt der sozialen Beeinflussung wurde von allen Rednern außer Acht gelassen, die Entrüstung auf das Abhören und die VDS beschränkt. Damit spielt man willig oder unbewusst der Desinformationspolitik der Schlapphüte in die Hände. Oder hat man Angst hier das Verständnis der Zuhörer zu überfordern?


Um einen Eindruck vom Andrang und den Umständen zu bekommen, an einem normalen Samstag sind hier im Parkhaus alle Plätze belegt. Und wer es nicht mitbekommen hat, heute Abend im Ehrenhof vor dem Schloss das Konzert UNHEILIG "LETZTER HALT 2013". Soundcheck war im Hintergrund zu hören.

Und weil es so schön ist, noch ein GIF, das "ewiger Marsch" heißen könnte ...




Sonntag, 21. Juli 2013

Occam's Razor ist kein Tool zur Hochschulplanung


Das Land Baden-Württemberg plant 500 Studienplätze im Bereich der Musikhochschulen zu streichen. Da dies aber fast ausschließlich die klassische Instrumentalausbildung zum Orchestermusiker betrifft und die Bereich Jazz- und Popmusik, sowie alte Musik, Barock-Musik, Kirchenmusik und die Ausbildung zum Schulmusiker unberührt bleiben, werden in diesem Segment mehr als ein Viertel der Studienplätze gestrichen.

Dies konzentriert auf die Standorte Mannheim und Trossingen, die zu Sparten-Hochschulen umgebaut werden und konzentriert in Mannheim den Pop- und Jazz-Bereich des Landes aufnehmen und in Trossingen eine Verengung auf die alte Musik bis zum Barock stattfindet. 

Das Konzept hat Zustimmung und Kritik erfahren, die über die Musik-Hochschulen hinausgehende Wirkung bleibt in diesen Betrachtungen auf der Strecke. Der Rechnungshofbericht ist nur Entschuldigung, die Entscheidung war lange vor der Arbeit des Rechnungshofs vorbereitet und ausgearbeitet, man hat nur auf den passenden Anlass gewartet. 

Diese Entwicklung in Baden-Württemberg hat drei besonders negative Auswirkungen, für die es andere konstruktive Lösungen gegeben hätte:
  1. Es wird ein Präzedenzfall geschaffen, der sowohl die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre in Frage stellt, als auch die der Hochschulen im Allgemeinen. Nicht die Nachfrage der Studenten regelt das Angebot an Studienplätzen, sondern die Landesregierung versucht über Studienplatz-Kontingente die Nachfrage zu deckeln. Hier hätte man über höhere Studiengebühren für alle nachdenken können und leistungsabhängige Stipendien vergeben zur Kompensierung vergeben müssen, das hätte sowohl die Nachfrage auf herausragende Talente konzentriert, als auch weiterhin jedem Studenten die eigene und freie Wahl gelassen. Wer ohne Talent, aber mit elterlichem Geld ausgestattet zum eigenen Vergnügen studiert hätte, hätte niemand einen der zukünftig seltenen Plätze weggenommen, im Gegenteil er hätte einen Stipendiaten mitfinanziert, der sonst keine Gelegenheit zum Studium gehabt hätte. Die Schaffung von Berufsakademien, die die Berufsausbildung zum Gebrauchsmusiker in Festanstellung zum Ziel haben und im dualen System mit den entsprechenden Arbeitgebern realisiert würde, wäre eine zukunftsweisende Option gewesen. Nicht alle Länder bauen Orchester- und Berufsmusikerplätze ab, an dieser Stelle seien neben den arabischen Staaten vor allem die BRICs-Staaten aufgeführt. Deutschland hat eine Ausbildungskompetenz und eine Bildungsangebot, die hier ersatz- und entschädigunglos vernichtet werden.
  2. Es wird ein Zusammenhang zwischen Studienplatzzahlen und gegenwärtigen, nicht zukünftigen Berufschancen manifestiert. Aus freier Berufswahl wird Planwirtschaft. Das ist der Einstieg in die Bolschewisierung der akademischen Bildung - Veränderung um der Veränderung willen und sture Ausrichtung am Mainstream. Damit wird die Struktur und die Dynamik der Hochschulbildung dem Diktat politischer Diskussions- und Klüngelrunden unterworfen. Statt Eigendynamik, lebendiger Fortentwicklung und innovativer Anpassung an die Herausforderungen sind die Hochschulen nun dem Diktat des Plansolls unterworfen - staatsregulatorische Edikte nach Vorbild mittelalterlicher Fürstenmäzene, Studienplatz als Gnadenakt und akademisches Almosen des Landes.
  3. Diese Kontingentierung und Nationalisierung der akademischen Bildung wird ausgerechnet in einem Fachgebiet kultureller Kernkompetenz vorgenommen. Statt bei Veränderungen in der Berufswelt eine stärkere Ausrichtung der Studiengänge auf die freiberufliche Tätigkeit vorzunehmen, vier Semester-Wochenstunden YouTube-Präsentation, 2 Semester-Wochenstunden Homepage-Design, sowie Workshops in Rhetorik, Selbstdarstellung und Interview-Technik in den Lehrplan aufzunehmen, werden Studienplätze abgebaut. Rückbau statt Zukunftsorientierung, da hätte man statt des Umbaues des Kfz-Mechanikers zum Mechatroniker auch die Ausbildungsplätze des veralteten Berufsbilds ersatzlos abbauen können, schließlich ist eines sicher, eher stirbt der Individualverkehr aus, als das Hören von Live-Musik.
Im Nachhinein muss man vermuten, dass sowohl die Zusammenlegung der Rundfunkorchester, als auch die Einschränkungen der staatlichen Philharmonien und selbst die fehlenden Investitionen in den Konzertsaal-Bau der letzten Jahre und Monate nur eine Vorbereitung waren um die Berufsbedingungen für Orchestermusiker zu beschneiden und mit dem Rückbau an den Hochschulen zu krönen. Es ist eine Absage an Bildungsinhalte und Berufsbilder, die sich der Ökonomisierung entziehen, einen elitären Leistungsanspruch repräsentieren, individuelle Spitzenleistung herausstellen und generell ein Aushängeschild deutscher Leitkultur im Ausland sind. Statt Selbstbewusstsein demonstriert Baden-Württemberg Selbst-Depression.

Nachdem jetzt der Tunnel in Stuttgart zur Anbindung des neuen City- und Regionalbahnhofs (S21) begonnen hat, das zweite Fanal der Provinzialität in einer Woche. Schon bei dem zentralen Neubau hat sich Baden-Württemberg dem Weltstadt-Niveau verweigert und sich für einen Zwerg-Bahnhof mit 6 Halte- und 2 Durchfahrt-Gleisen entschieden, die nur über eine einzige Zufahrtstrecke angebunden werden. Auch hier blendet man die Entwicklung der Welt, die Globalisierung und den zukünftigen Zugverkehr von Tahrir-Bahnhof über Taksim-Station bis zum neuen Hauptstadtbahnhof eines unabhängigen Schottland aus. 


Die Welt verändert sich, da darf man nicht zu spät kommen oder sich verstecken, sich zurückziehen. Man muss die Herausforderung annehmen, sich aktiv anpassen, nicht passiv. Die Veränderung der medialen Welt, mit Hangouts, YouTube-Livestreams und -Channels, ist eine Riesenchance für freiberufliche Musiker sich selbst zu vermarkten, seine Musik weltweit zu verkaufen. Diesem boomenden Markt mit wachsenden Marktchancen für klassisch ausgebildete Musiker verweigert sich das Land Baden-Württemberg. Gerade in Deutschland ausgebildete Instrumentalisten, deren Ethno-Musik europäischer Prägung in weiten Teilen der Welt eine beliebte und exotische Unterhaltung ist, haben mit ihrem hervorragenden Ruf einen Vermarktungsvorteil und können mit Ihrer Leistung und Angebot in diesem neuen Markt bestehen.

In zwanzig Jahren wird man dann mit Häme auf diesen Punkt der Geschichte zurückblicken, wenn die Musik woanders spielt, die 100 Fernzüge pro Stunde an der Landeshauptstadt vorbeifahren und sich auch die letzten Weltunternehmen an andere Standorten verlagert haben, weil ihre Manager und Entwickler nicht "habiter au diable vauvert" wollen. Der Franzose drückt es weniger rektal aus, aber nicht weniger treffend. 

Die Welt ist komplex, Occam's Razor ist für die Theorie, nicht für die Praxis.


Linkhinweise:

Samstag, 20. Juli 2013

Sun Tsu und Macchiavelli - Divide et impera

(c) Adam Hart-Davis


Prevention of Riot Incidents by Subtle Manipulation

Kein vernünftiger Mensch kann diese Unmengen an Daten sammeln ohne einen Grund zu haben, so blöd oder psychisch krank kann zwar ein einzelner Mensch sein, aber mehrere Regierungen und ihre Institutionen über Jahrzehnte hinweg? Nein! Deshalb die eigentliche Frage - Qui bono? 

Und da fiel mir der eigentliche Grund für die Praktiken in 1984 ein - die Macht zur Kontrolle zu haben. Nicht durch individuelles Material, sondern durch die Kenntnis der gesellschaftlich relevanten Themen, dem Puls der Zeit. Die Massendaten-Analyse der NSA mittels der Daten aus PRISM soll soziale Trends bestimmen und lenken ermöglichen und damit gesellschaftliche Entwicklung sowohl auf der Meta-Ebene als auch in der psychologischen Einzelrezeption manipulieren können.

PRISM ist ein Instrument zur Lenkung großer Volksmassen, indem es die Beeinflussung des Individuums ermöglicht, eine Macchiavelli-KI für das neue Jahrhundert. Der ganz reale Große Bruder, den niemand sieht, der aber seinerseits jeden sieht.


Wer Reizthemen kennt, kann sie zur Desinformation oder Verschleierung nutzen, ein Thema das verborgen sein soll durch ein anderes überlagern. Das effektivste Gras herausfinden, das über ein Ereignis oder einen Umstand wächst bevor er überhaupt sichtbar wird. Oder die schmackhafteste Möhre, die man zur Lenkung dem Esel vorhalten muss.

Und deshalb nützt auch Verschlüsselung der Daten nichts, da deren Zweck und Art erkennbar bleibt, auch die Geflechte der Nutzung und die Personen und Beziehungsgeflechte bleiben bei Verschlüsselung uneingeschränkt sichtbar. Und bei einem 100%-Abgriff der Backbones schützt auch die Zwiebel nicht, da sie gänzlich und in allen Schichten erfasst wird und ebenfalls die Beteiligten sichtbar lässt. Damit sind Multiplikatoren und Schlüsselpersonen der Gesellschaft ausmachbar. Zentren von Zellen, gleich ob reaktionär oder revolutionär, die Manipulationen verstärken oder dämpfen können und damit von Interesse als vorrangiges Ziel sind. Diese zu zweckdienlichem Verhalten zu bringen, durch Manipulation ihrer selektiven Wahrnehmung, durch psychologische Stimulanz, beispielsweise durch informelle Mitarbeiter oder Veränderung der Suchergebnisse bei Recherchen und dem Medienkonsum, das ist das Ziel der machiavellistischen Eingriffe, im Kleinen wie im Großen. Themen setzen, Argument-Dropping und die Pawlow'schen Reflexe ausnutzen, mit Daten aus Prism&Co. ein Kinderspiel.


Linkhinweis:



Update I - 20.07.2013 15.30:

Da ich aus Reaktionen auf diesen Beitrag gemerkt habe, dass manchem die Möglichkeiten und Konsequenzen von Techniken wie prism, Social Graph und ähnlichen Analysewerkzeugen nicht bewusst ist, ein paar Linkhinweise mit der Aufforderung selbst zu probieren und mit eigenen Beispielen die Analysemöglichkeiten zu betrachten.
  • Europa Media Monitor - Relation Network Visualisation
    Man muss sich nun gewärtig machen, dass PRISM diese Infos über jeden Menschen in Eurasien und den beiden Amerikas hat.
  • Europa Media Monitor - Beispiel mit Angela Merkel
    Und auch dies ist ein ansatzweiser Ausblick auf eine Personendatensammlung, die auch bei Verschlüsselung aller Daten angelegt werden kann und im Falle von PRISM, Tempora und Projekt 0404 auch die privaten und intimen Lebensbereiche umfasst. 
  • Öffentliche Info zu Facebook-Graphsearch
    Videos anschauen und der Umfang wird erklärt und sich dabei vorstellen, dass PRISM&Co. die gleiche Technik einkaufen können und alle Informationen, die sie haben einzubinden. Mit einer Friend-Liste, die sie aus den Verbindungsdaten trotz Verschlüsselung aufbauen können. 
Man muss sich auch bewusst machen, dass neben den Absender- und Empfängerkennungen auch noch eine Reihe anderer Informationen nicht von der Verschlüsselung erfasst wird. Der Datenverkehr zwischen Callcentern, Bestellannahmen und Onlineshops mit ihren Logistikern oder Auftraggebern ist entschlüsselbar, Festnetz- und Handytelefonate sind nicht verschlüsselt und werden spätestens ab 2018 zu 100% über VoIP abgewickelt, der Datenverkehr zwischen Finanzämtern und ihren zentralen Rechenzentren, der Austausch der Sozialversicherungsträger und ihrer Clearingstellen, die Abrechnungen der Ärzte mit ihren KVs und vieles mehr, stehen den Schlapphut-Diensten ebenfalls offen und finden Berücksichtigung in den Analysen und Aufbereitungen.



Update II - 20.07.2013 16.30:

Wenn Person X soundsoviel Beiträge mit Person Y austauscht und soundsoviel mit Person Z, dann ergibt sich daraus ein Bild mit dem man entscheiden kann, wer wen beeinflusst, wer auf wen horcht und wer wen positiv oder negativ beeinflusst. Damit lässt sich ein Schema aufbauen, an welchen Stellen man mit welcher Information oder Desinformation eine Reaktion provozieren oder verhindern kann. Und genauso wie Facebook damit entscheidet wer welche Werbung sieht, um die Wahrscheinlichkeit eines Klicks zu erhöhen, genauso kann Prism&Co damit steuern, wer welche politische Position bezieht oder sie ablehnt. Wir haben soziale Reflexe und die Ansatzpunkte diese anzuwenden liefert die Massenerfassung von Kommunikationsprofilen (VDS), Bewegungsprofilen (IMSI-Catching) und Personendaten (Mining).

Wenn dann vor allem unbeliebte Dorks, Trolle und Twits eine Position vertreten, die die Herren von Prism vermeiden wollen, dann erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Mainstream um eine Position versammelt, die diesen Grauen Eminenzen gefällt oder dienlich ist.

Und über die Quantität der individuellen Netzwerke können auch Multiplikatoren und Entscheider herausgefiltert werden, bei denen sich die persönliche Betreuung lohnt, bei denen ein IM ins Umfeld eingeschleust wird, in den persönlichen Freundeskreis bis hin zur intimen Bekanntschaft, die dann in ausgesuchte Konzerte, Filme, Events gehen um eine subtile Beeinflussung zu bewirken. Dazu muss man nicht die Inhalte eventuell verschlüsselter Mails kennen, sondern nur wer mit wem wie oft kommuniziert, dazu zählt auch das Lesen von Webseiten und die Geschwindigkeit in der sie gelesen werden. Da die Erfassung des Netzes umfassend und lückenlos ist, werden auch Zugriffe über Tunnel und Proxies erfasst, da auch diese über die ISP-Zugangsknoten erfolgen und protokolliert werden. 

Fragt mal eure Mütter wie sie eure Väter beeinflussen - dann fasst Amazon, Apple, Google und Facebook zusammen und setzt den Umfang eine Zehnerpotenz nach oben und lasst diese Instanz (prism) diese Beeinflussungstechnik rechnergestützt milliardenfach, alltäglich und nebenher anwenden - dann sind wir bei dem Bild, das ich im Moment von PRISM vor Augen habe.