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Dienstag, 30. Juli 2013

Die letzten Tage der Wilden News


Übermorgen, am 1. August 2013, beginnt die Gültigkeit des Leistungsschutzrechts und das Urheberrecht ändert sich damit für eine Reihe von Publikationen dramatisch.

Es wird gerne übersehen, dass es keine eigenständiges Gesetz ist, sondern nur eine Ergänzung des Urheberrechtsgesetzes. Deshalb ist es auch kein Leistungsschutzgesetz sondern nur der Teil des Urheberschutzes, der sich mit dem Schutz des Presseverlegers befasst. Eine neue Rechtsform, die den Verlegern ein besonderes Schutzrecht für maximal 12 Monaten einräumt. 

Nicht nur das, in § 87f Satz 2 gibt es erstmals eine Legaldefinition von "Presseerzeugnis", die diese Werke von allen anderen Werken im Rahmen des Urheberrechts abgrenzt. Und in § 87f Satz 1 wird dem Verleger daran ein Schutzrecht eingeräumt, unabhängig ob es sich um Erzeugnisse mit oder ohne die Schöpfungshöhe handelt, die in § 2 Satz 2 gefordert wird.

Damit werden auch Texte, Datensammlungen und vieles andere Material ohne Schöpfungshöhe geschützt. Ein Agenturbericht, der beispielsweise nur ein Ereignis faktisch beschreibt und mit Daten garniert ist oder ein Wetterbericht, ein Telefonbuch und andere Fakten- und Datensammlungen, diese werden damit endgültig dem generellen Urheberrecht entzogen und unter das gesonderte Schutzrecht nach § 87f gestellt. Diese Sammlungen oder Schriften können nun nicht mehr mit dem Vorwand das UrhG in Anspruch nehmen, sie hätten sonst keinen Schutz, sie sind jetzt für ein Jahr geschützt unabhängig von der Schöpfungshöhe und nur für ein Jahr. Für die Inanspruchnahme des Urheberrechts in vollem Umfang wird nun der Akt der eigenständigen Schöpfung essentiell werden.

Über 90% der Tickermeldungen und mehr als die Hälfte der Agenturmeldungen werden damit zukünftig nach einem Jahr rechtefrei. Bei Fotos sieht es unter Umständen anders aus, aber ich kann mir vorstellen, dass Ausschnitte aus Webcams oder anderes uneditierte und automatisch erstellte Material ebenfalls unter diese Regelung fällt und klar nach einem Jahr gemeinfrei wird, da es sich um keine, von einem Menschen schöpferisch vollbrachte, Werke handelt.

Interessant wird es sein, die Rechtssprechung zu Übersetzungen zu sehen. Übersetzungen, die gleichwertig von automatischen Systemen erstellt werden können, können nicht beanspruchen eine eigenständige Schöpfung zu sein. Das wird bei Übersetzungen von neuen Originalen keine Rolle spielen, aber wenn ältere Werke übersetzt werden, die im Original bereits gemeinfrei sind oder solche zu denen vorher bereits Übersetzungen existierten, die inzwischen gemeinfrei sind. In all diesen Fällen werden die Anforderungen an neue Übersetzungen höher sein um Ansprüche auf Schutz nach dem UrhG zu begründen. Im Gegenzug erwirbt der Verleger zukünftig automatisch einen Schutz ohne eine Schöpfungshöhe nachweisen zu müssen.

Dagegen ist klar, sind Werke von eigenständiger und unzweifelhafter Schöpfungshöhe im Presseerzeugnis enthalten, dann behalten diese ihr eigenständiges Schutzrecht in voller Höhe.

Fahrplan - nach einem Jahr rechtefrei?

Ein anderer Aspekt wird es sein, die Form der Willensäußerung zu konkretisieren. OptIn oder OptOut, wie erklärt der Verleger in der Praxis seine Zustimmung zu einer gewerblichen Verwendung. Und nicht-gewerbliche Verwendung ist im neuen Gesetzestext explizit ausgespart und hierfür wurden den Verlegern kein Schutzrecht eingeräumt. Die Methodik stellt das Gesetz frei.

Damit scheint auch klargestellt, dass per RRS-Feed verschickte Artikel nach einem Jahr lizenzfrei weiterverwendet werden können und diese Feeds generell als Willenserklärung und OptIn-Signal gelten. D.h. im Feed gepushte Texte und Bilder sind zur Verwendung freigegeben, da diese vom Verleger oder einem Beauftragten versendet werden, der über Inhalt und Umfang und Empfängerkreis entscheidet und diesem so die Informationen aktiv zugänglich macht, die zur Verwendung freigegeben sind. Andernfalls müssen im Feed enthaltene Beträge entsprechend gekennzeichnet sein oder es darf kein RSS-Feed angeboten werden. Grundsätzlich ist der RSS-Feed die elektronische Form der Pressemitteilung und diese darf, sofern nicht abweichend gekennzeichnet, lizenzfrei weiterverwertet werden.

Es wird sicher auch die Frage aufkommen, darf der Kioskbesitzer ohne Verlagsgenehmigung mit einer Zeitschrift im Aushang werben? Sind Pressemappen mit Auszügen der Tagespresse, wie sie für die Tageslagen der Ministerien erstellt werden ohne Zustimmung der Verlage noch zulässig. Gleiches gilt für die Verwendung von Kritikerberichten durch Kulturschaffende und viele andere eher seltene Verwendungsformen. Vieles wird erst die Rechtssprechung konkretisieren müssen, damit ist klar, dass dieses Gesetz handwerkliche Mängel hat und ohne Kommentare wertlos dasteht.

Und nur eines ist wirklich sicher, um einen Fisch damit einzuwickeln muss die Zeitung kein Jahr alt sein.



Sonntag, 21. Juli 2013

Occam's Razor ist kein Tool zur Hochschulplanung


Das Land Baden-Württemberg plant 500 Studienplätze im Bereich der Musikhochschulen zu streichen. Da dies aber fast ausschließlich die klassische Instrumentalausbildung zum Orchestermusiker betrifft und die Bereich Jazz- und Popmusik, sowie alte Musik, Barock-Musik, Kirchenmusik und die Ausbildung zum Schulmusiker unberührt bleiben, werden in diesem Segment mehr als ein Viertel der Studienplätze gestrichen.

Dies konzentriert auf die Standorte Mannheim und Trossingen, die zu Sparten-Hochschulen umgebaut werden und konzentriert in Mannheim den Pop- und Jazz-Bereich des Landes aufnehmen und in Trossingen eine Verengung auf die alte Musik bis zum Barock stattfindet. 

Das Konzept hat Zustimmung und Kritik erfahren, die über die Musik-Hochschulen hinausgehende Wirkung bleibt in diesen Betrachtungen auf der Strecke. Der Rechnungshofbericht ist nur Entschuldigung, die Entscheidung war lange vor der Arbeit des Rechnungshofs vorbereitet und ausgearbeitet, man hat nur auf den passenden Anlass gewartet. 

Diese Entwicklung in Baden-Württemberg hat drei besonders negative Auswirkungen, für die es andere konstruktive Lösungen gegeben hätte:
  1. Es wird ein Präzedenzfall geschaffen, der sowohl die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre in Frage stellt, als auch die der Hochschulen im Allgemeinen. Nicht die Nachfrage der Studenten regelt das Angebot an Studienplätzen, sondern die Landesregierung versucht über Studienplatz-Kontingente die Nachfrage zu deckeln. Hier hätte man über höhere Studiengebühren für alle nachdenken können und leistungsabhängige Stipendien vergeben zur Kompensierung vergeben müssen, das hätte sowohl die Nachfrage auf herausragende Talente konzentriert, als auch weiterhin jedem Studenten die eigene und freie Wahl gelassen. Wer ohne Talent, aber mit elterlichem Geld ausgestattet zum eigenen Vergnügen studiert hätte, hätte niemand einen der zukünftig seltenen Plätze weggenommen, im Gegenteil er hätte einen Stipendiaten mitfinanziert, der sonst keine Gelegenheit zum Studium gehabt hätte. Die Schaffung von Berufsakademien, die die Berufsausbildung zum Gebrauchsmusiker in Festanstellung zum Ziel haben und im dualen System mit den entsprechenden Arbeitgebern realisiert würde, wäre eine zukunftsweisende Option gewesen. Nicht alle Länder bauen Orchester- und Berufsmusikerplätze ab, an dieser Stelle seien neben den arabischen Staaten vor allem die BRICs-Staaten aufgeführt. Deutschland hat eine Ausbildungskompetenz und eine Bildungsangebot, die hier ersatz- und entschädigunglos vernichtet werden.
  2. Es wird ein Zusammenhang zwischen Studienplatzzahlen und gegenwärtigen, nicht zukünftigen Berufschancen manifestiert. Aus freier Berufswahl wird Planwirtschaft. Das ist der Einstieg in die Bolschewisierung der akademischen Bildung - Veränderung um der Veränderung willen und sture Ausrichtung am Mainstream. Damit wird die Struktur und die Dynamik der Hochschulbildung dem Diktat politischer Diskussions- und Klüngelrunden unterworfen. Statt Eigendynamik, lebendiger Fortentwicklung und innovativer Anpassung an die Herausforderungen sind die Hochschulen nun dem Diktat des Plansolls unterworfen - staatsregulatorische Edikte nach Vorbild mittelalterlicher Fürstenmäzene, Studienplatz als Gnadenakt und akademisches Almosen des Landes.
  3. Diese Kontingentierung und Nationalisierung der akademischen Bildung wird ausgerechnet in einem Fachgebiet kultureller Kernkompetenz vorgenommen. Statt bei Veränderungen in der Berufswelt eine stärkere Ausrichtung der Studiengänge auf die freiberufliche Tätigkeit vorzunehmen, vier Semester-Wochenstunden YouTube-Präsentation, 2 Semester-Wochenstunden Homepage-Design, sowie Workshops in Rhetorik, Selbstdarstellung und Interview-Technik in den Lehrplan aufzunehmen, werden Studienplätze abgebaut. Rückbau statt Zukunftsorientierung, da hätte man statt des Umbaues des Kfz-Mechanikers zum Mechatroniker auch die Ausbildungsplätze des veralteten Berufsbilds ersatzlos abbauen können, schließlich ist eines sicher, eher stirbt der Individualverkehr aus, als das Hören von Live-Musik.
Im Nachhinein muss man vermuten, dass sowohl die Zusammenlegung der Rundfunkorchester, als auch die Einschränkungen der staatlichen Philharmonien und selbst die fehlenden Investitionen in den Konzertsaal-Bau der letzten Jahre und Monate nur eine Vorbereitung waren um die Berufsbedingungen für Orchestermusiker zu beschneiden und mit dem Rückbau an den Hochschulen zu krönen. Es ist eine Absage an Bildungsinhalte und Berufsbilder, die sich der Ökonomisierung entziehen, einen elitären Leistungsanspruch repräsentieren, individuelle Spitzenleistung herausstellen und generell ein Aushängeschild deutscher Leitkultur im Ausland sind. Statt Selbstbewusstsein demonstriert Baden-Württemberg Selbst-Depression.

Nachdem jetzt der Tunnel in Stuttgart zur Anbindung des neuen City- und Regionalbahnhofs (S21) begonnen hat, das zweite Fanal der Provinzialität in einer Woche. Schon bei dem zentralen Neubau hat sich Baden-Württemberg dem Weltstadt-Niveau verweigert und sich für einen Zwerg-Bahnhof mit 6 Halte- und 2 Durchfahrt-Gleisen entschieden, die nur über eine einzige Zufahrtstrecke angebunden werden. Auch hier blendet man die Entwicklung der Welt, die Globalisierung und den zukünftigen Zugverkehr von Tahrir-Bahnhof über Taksim-Station bis zum neuen Hauptstadtbahnhof eines unabhängigen Schottland aus. 


Die Welt verändert sich, da darf man nicht zu spät kommen oder sich verstecken, sich zurückziehen. Man muss die Herausforderung annehmen, sich aktiv anpassen, nicht passiv. Die Veränderung der medialen Welt, mit Hangouts, YouTube-Livestreams und -Channels, ist eine Riesenchance für freiberufliche Musiker sich selbst zu vermarkten, seine Musik weltweit zu verkaufen. Diesem boomenden Markt mit wachsenden Marktchancen für klassisch ausgebildete Musiker verweigert sich das Land Baden-Württemberg. Gerade in Deutschland ausgebildete Instrumentalisten, deren Ethno-Musik europäischer Prägung in weiten Teilen der Welt eine beliebte und exotische Unterhaltung ist, haben mit ihrem hervorragenden Ruf einen Vermarktungsvorteil und können mit Ihrer Leistung und Angebot in diesem neuen Markt bestehen.

In zwanzig Jahren wird man dann mit Häme auf diesen Punkt der Geschichte zurückblicken, wenn die Musik woanders spielt, die 100 Fernzüge pro Stunde an der Landeshauptstadt vorbeifahren und sich auch die letzten Weltunternehmen an andere Standorten verlagert haben, weil ihre Manager und Entwickler nicht "habiter au diable vauvert" wollen. Der Franzose drückt es weniger rektal aus, aber nicht weniger treffend. 

Die Welt ist komplex, Occam's Razor ist für die Theorie, nicht für die Praxis.


Linkhinweise:

Samstag, 20. Juli 2013

Daneben, Frau Sibylle

Photo: Udo Grimberg (CC BY-SA 3.0 DE)


In der dieswöchigen Kolumne geht Sibylle Berg bei der Zerlegung und Betrachtung des Kunstbegriffs in die Irre. Aber das dürfen Sie, denn auch eine derartige Kolumne ist eine Form literarischer Kunst und besitzt deshalb die Freiheit dazu, bzw. der Künstler besitzt sie. Kunst ist keine Wissenschaft und auch kein Handwerk, bei denen Regeln und Prinzipien zu beachten sind. Kunst erfordert weder Können noch Kompetenz. Kunst muss auch keinen Wert haben, ethisch vertretbar sein oder einem ästhetischen Anspruch entsprechen.

Kunst muss künstlich sein, muss Auseinandersetzung zwischen dem, über die Natur und die gegebenen Dinge hinausgehenden, Werk des Menschen und der menschlichen Gesellschaft sein.

Die Reaktion des Betrachter, die durch eine Kadaver-Performance hergerufen wird, ist der wesentliche Aspekt jener Kunst und die Veränderung der Reaktion von Mensch und Gesellschaft im Lauf der Zeit ist Aufgabe aller Kunst. Ich hoffe, dass auch noch in Hunderten von Jahren immer wieder diese Performance aufgeführt wird um die Menschen an sich selbst und ihr Verhältnis zu Kadavern zu erinnern.

Genau darin besteht "Kunst", uns einen manipulativen Spiegel vorzuhalten, der unser Selbst im gesellschaftlichen Kontext zum Vorschein bringt. Uns und der Gesellschaft beispielsweise den Stand der Wertschätzung toten Fleischs zu zeigen, egal von welchem Lebewesen es stammt. Zu zeigen wie weit wir den Gegenstand unbelebter Faserproteine durch einen zivilisatorisch erzeugten Kontext überhöhen und verehren, das ist Kunst und der auslösende Akt oder Gegenstand ist ein Kunstwerk. Genauso wie es Kunst war, die konservierte Verschmutzung einer sanitären Einrichtung (Badewanne) mit dem Ordnungsstreben einer post-faschistischen Gesellschaft zu konfrontieren und deren vermeintliche Zerstörung durch eine Reinigung nicht als Bestandteil des Werks. Eine Restaurierung ist hier sowohl Zerstörung als auch neuer Akt des Kunst, wird doch erneut Bedeutung und Kontext verändert und aufgeladen.

Denn genau so wie Kunst und das Kunstwerk nicht dem Anspruch genügen muss zu gefallen oder als schön empfunden zu werden, genau so wenig muss ein Kunstwerk dem Anspruch genügen in die Zeit zu passen. Durch die Erfüllung dieses Anspruchs würde das Werk zur Bedürfnisbefriedigung, wie Höhlenzeichnungen, Steinschnitzereien der Frühmenschen, bemalter Porno-Vasen aus Pompeji oder Tapisserien der Zeit des Absolutismus, all das ist Kunsthandwerk, keine Kunst. Dadurch dass es künstlich ist und ästhetisch ist wird es nicht zur Kunst, im Gegenteil, es vermeidet die Konfrontation mit dem Betrachter, wird zu Dekoration.

Deshalb ist auch ein Gemälde Rembrandts nur dekoratives Kunsthandwerk von bestechendem Können, aber genausowenig Kunst wie ein genauso dekorativer und auf hohem handwerklichen Niveau geschaffener vergrößerter Busen eines Pornostars oder eine gepunzte Monstranz für den Altar einer Kathedrale. Wobei auch hier Werke existieren können, die beides sind, Handwerk und Kunst, die sich mit großem Können zusätzlich in die Metaebene erheben und in Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und deren Identität treten. 

Nur über die Bedeutung von Kunst entscheidet die Zeit, ob es große Kunst ist dauerhaft besteht oder kleine und vergängliche Kunst. Und wenn ein Kunstwerk die Menschen über die eigene Existenz hinaus beschäftigt und ihr Selbst im imaginären Spiegel aufleuchten lässt, dann ist es große Kunst, ganz große Kunst. Und Künstler wie Beuys damit große und bedeutende Künstler. 

Manchmal wird ein dekoratives Hand-Werk durch die Aktionen Dritter zur Kunst, wobei dann der künstlerische Akt von diesen Dritten ausgeht. So waren die Künstler, die einem Riesen-Penis aus Keramik auf Malta den Rang eines Kunstwerks gaben, jene Lokalpolitiker, die bei einem Papstbesuch die Verlegung an einen anderen Ort bestimmten. Erst dadurch wurde aus einem Stück lasierten und gebrannten Ton ein Werk von gesellschaftlicher Relevanz, das zeigt welche geistige Gesundheit man einem Kirchenoberhaupt zuschreibt, dass man ihm den Anblick eines tönernen Penis nicht zumuten mag. Es ist die Konnotation, die das Kunstwerk ausmacht. Deshalb können auch ganz banale Alltagsgegenstände zum Kunstwerk werden, wenn sie mit einer entsprechenden Bedeutung aufgeladen werden. 

Mannheim.Quadratestadt (CC BY-SA 2.0)
Und deshalb ist diese Kolumne Kunst, auch wenn sie daneben ist. Sie erzeugt Diskussion und Dialog, sie hält uns den Spiegel vor und bemisst uns und auch den Kunstschaffenden, bringt damit hervor an welcher Stelle unsere Gesellschaft steht und ob es beispielsweise noch Menschen gibt, die die Bedeutung einer Badewanne an ihrer Gebrauchsfähigkeit und Sauberkeit messen oder die Verwendung tierischen Proteins nach Beendigung der Nerven- und Stoffwechseltätigkeit.

Sollte irgendwann die Mehrheit auf derartige Schilderungen mit der Äußerung antworten, man dürfe einem gerne nach dem Tod essen, solange man diesen Tod nicht extra wegen des Verzehrs herbeiführe, dann würde dies einen veränderten Stand der Zivilisation zeigen, der Zustand der Gesellschaft würde sichtbar und bemessen. Wir würden dann wissen, dass wir nicht nur in einer Gesellschaft leben in der Organe zur Transplantation ausreichend verfügbar sind, wir wüssten auch, dass Tote Körper kein Fetisch der Hinterbliebenen mehr sind, dem mit Riten einer archaischen Sepulkralkultur gehuldigt wird.