Freitag, 2. August 2013

Dystopische Ideen als Geburtshelfer von NSA und PRISM?

Umfassender Update des Beitrags von letzter Woche, deshalb komplett neu. Was bisher Konspirationstheorie war, ist nach den letzten Veröffentlichungen von Snowden-Material im The Guardian leider Fakt geworden. The Guardian (2013, Aug. 02) GCHQ accused of selling services

(c) Adam Hart-Davis
"Foundation" ist eine Dystopie von Isaac Asimov, im Mai 1942 erschienen und wurde geschrieben als die amerikanischen Teilnahme am Zweiten Weltkrieg noch diskutiert wurde. Das Werk zählt als soziale Dystopie zu den großen gesellschaftskritischen utopischen Romanen des 20. Jahrhunderts und wurde vom Autor und anderen wegen des großen kommerziellen Erfolgs auf sieben Erzählbände erweitert. Sie beschrieben, wie eine Geheimgesellschaft mit konspirativer Zwiebelstruktur und psychosozialen Techniken im Großmaßstab die Menschheit manipuliert. In einem gigantomanischen Entwurf extrapoliert Asimov die Anwendung psychologischer Analysen auf große Menschengruppen, auf eine über zahllose Welten im All verteilte Menschheit. Dieser SciFi-typische Ansatz sollte einem nicht den Blick auf die eigentliche Kernbotschaft verstellen.

Die Methoden von Macchiavelli und Sun Tsu sind mit moderner Technik verfeinerbar und subtiler umsetzbar. Durch Streckung über größere Zeiträume, mehrere Jahre und anonyme Menschengruppen lässt sich eine zuverlässige Beeinflussung und Lenkung von ganzen Ethnien, Nationen und Bevölkerungen erreichen. Basis sind permanente psychosoziale Analyse der Beziehungsgeflechte, der Meinungstrends und der verantwortlichen Multiplikatoren. Der Matdaten-Social-Graph ermöglicht die Analyse von Verhaltensmuster, der Dynamik menschlicher Beziehungen und von Korrelationen der Meinungsbilder im privaten und öffentlichen Raum.


Asimov postuliert über sein Roman-Alter-Ego Hari Seldon einen neuen Wissenschaftszweig, den er Psychohistorie nennt. Ausgehend davon, dass sich aus dem Verhalten großer Menschenmassen in der Vergangenheit das zukünftige Verhalten extrapolieren lässt, falls man die Prämissen und Lenkungsparameter ebenfalls erfassen kann.

Tatsächlich beschreibt Asimov jedoch eine Methodik des Social Engineering für sehr große Menschengruppen. Er beschreibt den Einsatz von Computertechnik und -analysen unter Einbeziehung gigantischer und allumfassender Daten, die heimlichen erhoben werden.

Der letzte Teil kommt seit zwei Monaten bekannt vor - PRISM & Co.

Asimov schildert die Vorausberechenbarkeit von Regierungen, Opposition und anderen gesellschaftlichen Gruppen, die gleich Pawlow'schen Hunden auf die Signale der Gesamtbevölkerung reagieren, die wiederum durch ihre ausreichende statistische Größe wiederum relativ einfach mit technischen Mitteln vorausberechnet werden kann. Durch Simulationen kann die Reaktion der Bevölkerung auf Schlüsselreize ermittelt werden und durch geschickte Auswahl und zeitliche bzw. räumliche Optimierung kann die Bevölkerung mit minimalem Aufwand zu bestimmten Trends, einem vorgegebenen Mainstream oder politischen Stimmungen bewegt werden. Diese wiederum provozieren bestimmte Reaktionen der Regierungen. Wobei es egal ist ob am Schluss eine ablehnend, abwehrende Haltung oder eine zustimmend, fördernde Haltung entsteht. Wichtig ist, dass es die von den lenkenden "Psychohistorikern" gewünschte Haltung ist.

Asimov tritt hier im Dialog zu Karl Popper's Thesen, die dieser später in "The Open Society and Its Enemies" zusammenfasste und zeigt die kalt und wertfrei kalkulierten Überwindung des moralischen Impetus. Der damalige Zeitgeist hatte schon Goebbel's "Der Zweck heiligt die Mittel" hervorgebracht und die stalinistische Instrumentalisierung des Bolschewismus. Es war de Zeit der in der man glaubt nicht nur die Welt nach den eigenen Ideen formen zu können, sondern auch ein Recht und die Pflicht dazu zu haben. Anfänglich und manche Vorgestrige sicher noch über Jahre haben im Foundation-Zyklus eine positive Utopie, einen möglichen Entwurf für die menschliche Gesellschaft gesehen. Leute, denen Thoreau ein Graus war und ist.

In dieser Zeit wurden die Fundamente für die NSA-Projekte von Echelon bis Prism gelegt - The Foundation of the Prism.



Eine ganze Reihe von Männern und ganz wenige Frauen scheint all diese Theorien und Schilderungen aufmerksam gelesen zu haben, mit dem Schwermut im Herzen, dass man einen Staat nicht mehr mit mittelalterlichen Techniken des Absolutismus, der Volksverdummung und der Hegemonie lenken konnte. Es liegt zwar nahe, dass sich damals eine finstere Verschwörung bildete, die unter der Selbstbeschwörung alles "for the greater good" zu unternehmen, sich auf den Weg machte all diese Theorien in die Praxis umzusetzen.

Und wie sieht der Kern dieser Theorien aus? Asimov lässt die Psychohistorie auf zwei Axiomen basieren (Darstellung Wikipedia zum Seldon Plan):
  • die Größe der Bevölkerungsgruppe, deren Verhalten modelliert werden soll,
    muss ausreichend groß sein,
  • die Bevölkerungsgruppe muss in Unkenntnis über die Ergebnisse der
    psychohistorischen Analyse bleiben.
Das erste Axiom ist zutreffend erfüllt und wird es auch immer sein, das zweite Axiom ist trotz Snowden immer noch erfüllt, da die Gesellschaft in dieser Hinsicht einen blinden Fleck entwickelt hat. Und ich frage mich nicht zuletzt, ob dieser Fleck auch auf Publikationen wie Asimov's Science Fiction Serie beruht. Dann wäre sie die genialste Desinformation der Geheimdienstgeschichte.



Die Realität hat sich in der Zeit zwischen Winslow Peck und Edward Snowden als verschworener, schlapphütiger und konspirativer herausgestellt als fast alle Paranoiker es befürchteten. Jegliche Konspirationstheorie hat sich als blasser Abklatsch der Realität erwiesen.

"1984" wurde weder als Science Fiction noch als utopischer Roman geschrieben und veröffentlicht. Es erschien erstmals im Verlag Secker und Warburg, einem politischen Verlag für Literatur und anti-faschistische Sachbücher. Das Buch wurde als Warnung geschrieben, wie sich die britische Gesellschaft entwickeln könnte. Wie sie sich durch paranoiden Überwachungswahn in einen faschistischen Staat verwandeln würde. Eine bodenständige und solide sozialkritische Dystopie, keine Science Fiction. Orwell wollte aufzeigen wohin Großbritannien sich entwickelt, wenn sich nichts ändert. Und es hat sich nichts geändert.


Der Geist der heißen Krieger aus Zeitem Weltkrieg und Korea Krieg weht weiterhin durch Downing Street und Whitehall.



Die NSA lies bei ihrem wissenschaftlichen Arm, der DARPA, das Arpanet entwickeln und aufbauen. Es hatte von Anfang an den Charakter eines Honeypots. Anfänglich beschränkt auf die wissenschaftliche Welt und zur Überwachung der Entwicklungen auf mögliche Waffentechniken und der politischen Gesinnung von Wissenschaftlern, wurde es später auf die gesamte Öffentlichkeit erweitert. Man erinnere sich nur an das damalige Amerika, an die McCarthy-Zeit.



Warnungen von Philosophen wie Karl Popper und die beschränkte Computertechnik des letzten Jahrhunderts setzten dem Wachstum dieser Systeme Grenzen. Bis zu 9/11, dann wurden vorherige Budget- und Personalkürzungen zurückgenommen und kräftiges Wachstum genehmigt. Die Haushaltspositionen wuchsen in den USA auf das Mehrfache, selbst in Deutschland wurde der Etat über ein Drittel aufgestockt und dem BND der Umzug in größere Neubauten in Berlin ermöglicht.



In Großbritannien hatte man die Zuständigkeit und Abgrenzung der Dienste MI5 und MI6 über lange Jahre bewahrt, aber auch hier kam es zum Umbruch mit der Gründung von GCHQ. Im Nachhall von 9/11 nutzte man die Gunst der Stunde und verwandelte den alten MI1b, die Meebs, in einen Supergeheimdienst, der auf alle Aspekte der Sprach-und Datenkommunikation direkten Zugriff hat. 




Wer sich mit den wissenschaftlichen Theorien hinter dieser Hochtechnologie beschäftigen will, den Einstieg findet man über die Themenbereiche in der Linkliste.


Dienstag, 30. Juli 2013

Die letzten Tage der Wilden News


Übermorgen, am 1. August 2013, beginnt die Gültigkeit des Leistungsschutzrechts und das Urheberrecht ändert sich damit für eine Reihe von Publikationen dramatisch.

Es wird gerne übersehen, dass es keine eigenständiges Gesetz ist, sondern nur eine Ergänzung des Urheberrechtsgesetzes. Deshalb ist es auch kein Leistungsschutzgesetz sondern nur der Teil des Urheberschutzes, der sich mit dem Schutz des Presseverlegers befasst. Eine neue Rechtsform, die den Verlegern ein besonderes Schutzrecht für maximal 12 Monaten einräumt. 

Nicht nur das, in § 87f Satz 2 gibt es erstmals eine Legaldefinition von "Presseerzeugnis", die diese Werke von allen anderen Werken im Rahmen des Urheberrechts abgrenzt. Und in § 87f Satz 1 wird dem Verleger daran ein Schutzrecht eingeräumt, unabhängig ob es sich um Erzeugnisse mit oder ohne die Schöpfungshöhe handelt, die in § 2 Satz 2 gefordert wird.

Damit werden auch Texte, Datensammlungen und vieles andere Material ohne Schöpfungshöhe geschützt. Ein Agenturbericht, der beispielsweise nur ein Ereignis faktisch beschreibt und mit Daten garniert ist oder ein Wetterbericht, ein Telefonbuch und andere Fakten- und Datensammlungen, diese werden damit endgültig dem generellen Urheberrecht entzogen und unter das gesonderte Schutzrecht nach § 87f gestellt. Diese Sammlungen oder Schriften können nun nicht mehr mit dem Vorwand das UrhG in Anspruch nehmen, sie hätten sonst keinen Schutz, sie sind jetzt für ein Jahr geschützt unabhängig von der Schöpfungshöhe und nur für ein Jahr. Für die Inanspruchnahme des Urheberrechts in vollem Umfang wird nun der Akt der eigenständigen Schöpfung essentiell werden.

Über 90% der Tickermeldungen und mehr als die Hälfte der Agenturmeldungen werden damit zukünftig nach einem Jahr rechtefrei. Bei Fotos sieht es unter Umständen anders aus, aber ich kann mir vorstellen, dass Ausschnitte aus Webcams oder anderes uneditierte und automatisch erstellte Material ebenfalls unter diese Regelung fällt und klar nach einem Jahr gemeinfrei wird, da es sich um keine, von einem Menschen schöpferisch vollbrachte, Werke handelt.

Interessant wird es sein, die Rechtssprechung zu Übersetzungen zu sehen. Übersetzungen, die gleichwertig von automatischen Systemen erstellt werden können, können nicht beanspruchen eine eigenständige Schöpfung zu sein. Das wird bei Übersetzungen von neuen Originalen keine Rolle spielen, aber wenn ältere Werke übersetzt werden, die im Original bereits gemeinfrei sind oder solche zu denen vorher bereits Übersetzungen existierten, die inzwischen gemeinfrei sind. In all diesen Fällen werden die Anforderungen an neue Übersetzungen höher sein um Ansprüche auf Schutz nach dem UrhG zu begründen. Im Gegenzug erwirbt der Verleger zukünftig automatisch einen Schutz ohne eine Schöpfungshöhe nachweisen zu müssen.

Dagegen ist klar, sind Werke von eigenständiger und unzweifelhafter Schöpfungshöhe im Presseerzeugnis enthalten, dann behalten diese ihr eigenständiges Schutzrecht in voller Höhe.

Fahrplan - nach einem Jahr rechtefrei?

Ein anderer Aspekt wird es sein, die Form der Willensäußerung zu konkretisieren. OptIn oder OptOut, wie erklärt der Verleger in der Praxis seine Zustimmung zu einer gewerblichen Verwendung. Und nicht-gewerbliche Verwendung ist im neuen Gesetzestext explizit ausgespart und hierfür wurden den Verlegern kein Schutzrecht eingeräumt. Die Methodik stellt das Gesetz frei.

Damit scheint auch klargestellt, dass per RRS-Feed verschickte Artikel nach einem Jahr lizenzfrei weiterverwendet werden können und diese Feeds generell als Willenserklärung und OptIn-Signal gelten. D.h. im Feed gepushte Texte und Bilder sind zur Verwendung freigegeben, da diese vom Verleger oder einem Beauftragten versendet werden, der über Inhalt und Umfang und Empfängerkreis entscheidet und diesem so die Informationen aktiv zugänglich macht, die zur Verwendung freigegeben sind. Andernfalls müssen im Feed enthaltene Beträge entsprechend gekennzeichnet sein oder es darf kein RSS-Feed angeboten werden. Grundsätzlich ist der RSS-Feed die elektronische Form der Pressemitteilung und diese darf, sofern nicht abweichend gekennzeichnet, lizenzfrei weiterverwertet werden.

Es wird sicher auch die Frage aufkommen, darf der Kioskbesitzer ohne Verlagsgenehmigung mit einer Zeitschrift im Aushang werben? Sind Pressemappen mit Auszügen der Tagespresse, wie sie für die Tageslagen der Ministerien erstellt werden ohne Zustimmung der Verlage noch zulässig. Gleiches gilt für die Verwendung von Kritikerberichten durch Kulturschaffende und viele andere eher seltene Verwendungsformen. Vieles wird erst die Rechtssprechung konkretisieren müssen, damit ist klar, dass dieses Gesetz handwerkliche Mängel hat und ohne Kommentare wertlos dasteht.

Und nur eines ist wirklich sicher, um einen Fisch damit einzuwickeln muss die Zeitung kein Jahr alt sein.